Veranstaltungsarchiv

Hier finden Sie Informationen aus vergangenen Veranstaltungen zum nachhaltigen Bauen.

Fachtagung Nachhaltiges Bauen 2019 – nachhaltige Gebäude, zufriedene Nutzer

Fachtagung Nachhaltiges Bauen 2019 – nachhaltige Gebäude, zufriedene Nutzer

Wie müssen Gebäude heute projektiert werden, damit sie den Nutzenden auch morgen optimale Wohn- und Arbeitsumgebungen bieten? In welcher Beziehung stehen Wandlungsfähigkeit und Nachhaltigkeit? Auf solche und weitere Kernfragen wurden an der Fachtagung Nachhaltiges Bauen im Zentrum Paul Klee in Bern Antworten gesucht und auch gefunden.

Gut 280 Teilnehmer waren am 28. März 2019 nach Bern ins Zentrum Paul Klee gekommen. Eröffnet wurde die Veranstaltung vom Berner Stadtpräsidenten Alec von Graffenried, der den Teilnehmenden für den Aufenthalt in der Bundeshauptstadt dankte. Er beglückwünschte die Organisatoren für deren «goldrichtige» Themenwahl. Nachhaltiges Bauen sei auch ihm ein Herzensanliegen.

Kurzinputs der Trägerorganisationen

Anschliessend kamen Vertreter der fünf Trägerorganisationen in Kurzinputs zu Wort. Dr. Beat Wüthrich, Vizepräsident Eco-bau, hob die Bedeutung der Empirie hervor und rief dazu auf, das Wissen der Gebäudenutzer stärker im Planungsprozess einzusetzen. Martin Stocker, Vizepräsident NNBS, mahnte an, dass beim Bauen die Dinge oft nicht zu Ende gedacht würden. Nachhaltiges Bauen müsse gesamtheitlich gedacht und über den ganzen Lebensweg geplant werden. Als Lösung empfahl er die Gebäudedatenmodellierung (BIM).

Regierungsrat Marc Mächler, Präsident Minergie und Vorsteher des Baudepartements des Kantons St. Gallen, betonte, dass Nachhaltigkeit im Einklang mit Komfort stehen müsse. Zudem nannte er vier Eckpunkte (Fachwissen, Schnittstellen, Qualität und Kreativität), die es braucht, damit das gelingt. Zwei weitere Inputs kamen von Amadeo Sarbach, Präsident CRB, und Prof. Stephan Wüthrich von der Berner Fachhochschule (BFH). Sarbach nahm Bezug auf die Befürchtung vieler Architekten, dass zu enge Normen und Standards die Gestaltungsfreiheit von Architekten einschränken könnten. Er prophezeite, dass die Standards und Normen aus dem Bewusstsein der Planenden verschwinden würden, indem sie in die Werkzeugt integriert werden. Und Stephan Wüthrich unterstrich die Bedeutung einer durchgängigen und guten Kommunikation für die erfolgreiche Realisierung von Bauwerken.

Motivierende Arbeitsumgebungen

Als erster Hauptreferent ging Stefan Camenzind, Gründer und Geschäftsführer von Evolution Design, der Frage nach, was optimales Arbeiten heisst. Seine Hauptthese: «Design ist eigentlich gar nicht so wichtig.» Zentral sei vielmehr eine Arbeitsumgebung, die vom Kundenbedürfnis her entwickelt wird. Wie das geht, zeigte er am Beispiel der Umgestaltung des Research & Development Centers der Puls Vario GmbH in Wien. Dort wurden nach eingehender Analyse der Arbeitsschritte vier Zonen geschaffen, die das Arbeiten optimal unterstützen: Retreat, Dialog, Create und Share.

Als weitere Beispiele dienten Camenzind die Grossraumbüros von Google und das Callcenter des niederländischen Kabelnetzbetreibers Ziggo. Entscheidend für die Arbeitsplatzgestaltung sei, dass die Prozesse und Bedürfnisse empirisch-wissenschaftlich untersucht werden. Die harten Fakten aus einer sogenannten «Work Style Analysis» erlaubten es, die Arbeitsräume gekonnt zu planen.

Wenn es darum geht, den Erfolg von einzelnen Massnahmen zu messen, dürfe aber nicht nur die Nutzungsintensität durch die Mitarbeitenden der Massstab sein. Ebenso wichtig sei, ob ein Angebot oder eine Einrichtung von den geschätzt werde, auch, wenn es nur wenig genutzt wird. Erst die Kombination von Nutzung und Wertschätzung ergebe die «wahren Werte», die in die Raumkonzeption einfliessen müssten.

Bedarf planen, Performance evaluieren

Prof. Dr.-Ing. Ulrich Schramm von der Fachhochschule Bielefeld rückte als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen die nutzerorientierte Bedarfsplanung in Blickfeld. Sie stehe am Anfang eines fünfphasigen Prozesses aus sieben Prozessarbeitsschritten, die den ganzheitlichen Gebäudelebenszyklus abbildeten.

Mit dem Instrument der systematischen Gebäudeevaluierung (Post-Occupancy Evaluation) könnten bedeutende Qualitätsverbesserungen erzielt werden. Wie sich die Befragungsergebnisse von Gebäudenutzern als Basis für Verbesserungen gewinnbringend umsetzen lassen, illustrierte Schramm am Beispiel des Neubaus der Campus-Bibliothek Minden. Dort wurde bei der Evaluation unter anderem festgestellt, dass im lichtdurchfluteten Atrium Sonnenschirme aufgespannt wurden, weil sich Studierende und Angestellte vor übermässiger Wärme schützen wollten.

Erfolgsfaktor Bestellung

Angelo Cioppi, Kantonsbaumeister des Kantons Bern, ging auf die Herausforderung bei der Portfoliobewirtschaftung in der öffentlichen Verwaltung ein. Sein Credo lautet: «Wir bauen für unsere Nutzer. Wenn die Nutzer zufrieden sind, haben wir die Aufgabe richtig gemacht.» Zur Veranschaulichung bezog er sich etwas augenzwinkernd auf die Bedürfnisse eines Standesamts: Dort gelte es, teils im Stundentakt grössere Hochzeitsgesellschaften «abzufertigen», was natürlich besondere Vorkehrungen bei der Raumbelüftung erforderlich mache.

Zusammengefasst brauche es Folgendes damit eine Bestellung erfolgreich sein könne: «Sie muss aufgabenspezifisch, umfassend, unmissverständlich, nachvollziehbar, umsetzbar, zukunftsgerichtet, phasengerecht, überprüfbar und politisch legitimiert sein.» Was die Zukunftsfähigkeit seiner Bauten angeht, setzt der Kanton Bern stark auf Systemtrennung. Wichtig sei auch, dass es in Bauprojekten eine geeignete Schlüsselperson gebe, die die Nutzerbedürfnisse gut vertreten könne. Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass die Projekte auch gelingen. Und schliesslich rief er nochmals in Erinnerung, dass es rund zwei Jahre brauche, bis ein Gebäude nach dem Bezug richtig eingestellt sei.

Drei Praxisbeispiele aus Bern

Anhand dreier Projekte aus der Praxis ging es anschliessend um die konkrete Umsetzung des Nutzerfokus. Donat Senn, Geschäftsleiter GWJ Architekten, präsentierte das Neubauprojekt „Herz- und Gefässzentrum Inselspital Bern“. Der Neubau wird im bestehenden Inselareal gebaut, einem Entwicklungsschwerpunkt der städtischen Raumplanung.

Die Planer fassten den Bau als «hybrides Gebäude» auf und unterteilten es nach verschiedenen Funktionen: So ist unten der Behandlungsbereich angesiedelt und in den oberen Stockwerken die Pflege. Da die Anforderungen für beide Bereiche unterschiedlich sind, entschied man sich für folgendes Vorgehen: Im unteren Gebäudeteil sollen grosse, flexibel nutzbare Flächen für die Behandlung entstehen. Im Pflegebereich wurde das Gebäude so gestaltet, dass eine möglichst grossflächige Fassadenabwicklung entsteht. Das ermöglicht die intensive Nutzung von Tageslicht und bietet den Patientinnen und Patienten freien Ausblick nach draussen.

Beim zweiten Praxisbeispiel ging es um die erste autofreie Pioniersiedlung der Schweiz. Die bald zehnjährige Wohnsiedlung «Burgunder» in Bümpliz ist seit 2010 Minergie-P-Eco-zertifiziert und seit 2017 offiziell ein 2000-Watt-Areal. Federführend beteiligt am Projekt war Hanspeter Bürgi von Bürgi Schärer Architekten.

In seinem Referat beleuchtete Bürgi drei Aspekte: die Partizipation der Mieter- und Eigentümerschaft an der Planung, die Wirtschaftlichkeit und die Umweltaspekte, namentlich die Energie- und Emissionswerte. «Autofrei“ heisse im Übrigen, „dass die Mieter und Eigentümer der Wohnsiedlung im Umkreis von 300 Metern keinen Pkw parkieren dürfen.» Das sei gar nicht so weit von der Realität in heutigen Grossstädten entfernt. So besässen heute nur noch 57 Prozent der städtischen Haushalte in Bern ein eigenes Auto. Insofern habe die Siedlung gewisse Entwicklungen vorweggenommen und sei zu einem Pionierprojekt des autofreien urbanen Wohnens avanciert.

Schliesslich erörterte Harald Schroedl, Leiter Projektentwicklung Region Bern bei Losinger Marazzi, wie bedarfsgerechtes Bauen im Bürobau erreicht werden kann. Als Beispiel diente ihm der neue Hauptsitz der Post in Bern. Das Gebäude «Espace Post» ist nach Minergie und DGNB Platin zertifiziert. Bezüglich der Planung sei es aber „nicht das einfachste Gebäude“ gewesen, hauptsächlich, weil die Nutzer, also die Post, nicht die Eigentümerin sei. Man habe dem aber Rechnung getragen, indem die Nutzer so früh wie möglich in die Planung eingebunden wurden – konkret, ab dem Zeitpunkt, als der Rohbau stand. Schroedel stellte auch die Hypothese in den Raum, dass Normen die eigentlichen Nutzerbedürfnisse in der Planung übersteuern und damit zur Überdimensionierung von gebäudetechnischen Anlagen führen können. Das machte er unter anderem an den effektiven Verbrauchswerten für die Kühlung fest. Die lagen deutlich tiefer als sie gemäss den Normen sein müssten.

Summa summarum

Ein mögliches Fazit des Vormittags: Zukunftsfähige Gebäude erfordern flexible Gebäudekonzepte. Und bedarfsgerechte Bauplanung erfordert die Partizipation der Nutzer während der Planungsphase und im Betrieb. Erleichtern können uns diese Aufgabe sowohl BIM als auch die Erhebung von Messwerten in der Betriebsphase.

Am Nachmittag gab es vier parallele Workshops zu den Themen Bestellung, Nutzungsplanung, Gebäudetechnik und Gebäudestandards. Je zwei Exkursionen führten zu den am Vormittag vorgestellten Objekten «Siedlung Burgunder» und dem Post-Hauptsitz «Espace Post». Die Nachmittagsveranstaltungen boten Gelegenheit, die Grundsätze des bedürfnisgerechten Bauens zu verinnerlichen und der Frage nachzugehen, was sich in der Rückschau der realisierten Bauten bewährt hat und was nicht. Die nächste Fachtagung findet am 26. März 2020 statt.

Hier finden Sie die freigegebenen Präsentationen der Referenten

Referate Vormittag

Kurzinput: 5 Thesen der Träger
Marc Mächler, Präsident Minergie; Amadeo Sarbach, Präsident CRB; Martin Stocker, Vize-Präsident NNBS; Dr. Beat Wüthrich, Vize-Präsident eco-bau; Stephan Wüthrich, Mitglied der Departementsleitung Architektur, Holz und Bau, Berner Fachhochschule BFH

Motivierende Arbeitsumgebung am Beispiel Google
Stefan Camenzind, Architekt, Gründer und Executive Director, Evolution Design

Prozessqualität: Bedarf planen, Performance evaluieren
Prof. Dr.-Ing. Ulrich Schramm, Fachhochschule Bielefeld, Campus Minden

Erfolgsfaktor Bestellung – welche Anforderungen sind wichtig?
Angelo Cioppi, Kantonsbaumeister Kanton Bern

Haus als Stadt - Mehrwerte für die Nutzer? Neubau Inselspital Bern Baubereich BB12, Schweizerisches Herz- und Gefässzentrum
Donat Senn, Geschäftsleiter, GWJ Architekten, Bern

Sieben Jahre Siedlung Burgunder – wie hat sich die Siedlung aus Nutzersicht bewährt?
Hanspeter Bürgi, Bürgi Schärer Architekten AG, Bern

Espace Post, Hauptsitz Post Bern – bedarfsgerechtes Bauen im Bürobau (Präsentation nicht freigegeben)
Harald Schroedl, Leiter Projektentwicklung Region Bern, Losinger Marazzi AG

Vertiefungs-Sessionen Nachmittag

A1 - Ein Gebäude bitte! Die Bestellung macht es aus…

Präsentation A1-1: Nachhaltiges Bauen für die Nutzenden
Präsentation A1-2: nicht freigegeben
Präsentation A1-3: die baupiloten Teil 1/2, Teil 2/2

A2 - Lässt sich Nutzung planen?

Präsentation A2-1: Planen in Zeiten des Umbruchs
Präsentation A2-2: Nachhaltigkeit und Nutzerzufriedenheit im Bürokontext
Präsentation A2-3: Welche Anforderungen sichern Flexibilität und Nachhaltigkeit mit dem Ziel einer effizienten Bewirtschaftung?

A3 - Gebäudetechnik – Kundennutzen im Zentrum

Präsentation A3-1: Smart Living - Erkenntnisse aus der Praxis
Präsentation A3-2: Usability - ein Ansatz für kundenzentrierte Gebäudetechnik
Präsentation A3-3: Low Power IoT - von Emotionen und Machine Learning

A4 - Führen Standards zu besseren Gebäuden?

Präsentation A4-1: Tscharnergut Bern 1958-1966/2013-2017
Präsentation A4-2: Steile Lernkurve - erste Erfahrungen mit MQS-Bau
Präsentation A4-3: Wie helfen Standards, die geforderte Performance zu erreichen?

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Frau Herr