Swissbau 2018: Die Natur plant mit – Bauen mit Naturgefahren

Event

An der Veranstaltung «Die Natur plant mit – Bauen mit Naturgefahren» ging es darum, was extreme Wetter anrichten können und wie man sich im Planungsprozess dagegen wappnen kann. Moderiert wurde sie von SRF-Wettermann Thomas Bucheli.

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Bericht

„Die Natur gibt die Rahmenbedingungen vor – was heisst das fürs Bauen?“ fragte Moderator Thomas Bucheli (SRF Meteo) zu Anfang der Focus-Veranstaltung von «Schutz vor Naturgefahren» und NNBS. Was die Natur im Ernstfall anrichten kann, wusste Peter Ruch zu erzählen. Er ist Kommandant der Stadt- und Stützfeuerwehr von Zofingen, also jenes Aargauer Städtchens, das im Juli 2017 bei einem Unwetter grossflächig überschwemmt wurde. Es war ein Ereignis, das statistisch nur alle 300 bis 500 Jahre vorkommt.

Auf grosse Ereignisse kann man sich nicht vorbereiten

Die grössten Schäden verursachten damals nicht übers Ufer tretende Gewässer, sondern Oberflächenwasser, das nicht abfliessen konnte. Schuld daran waren starke Niederschläge, die nicht von der Kanalisation abgeführt werden konnten, weil die Abflussschächte mit Schlamm und abgeschlagenen Blättern verstopft waren. Rund 500 Schadensmeldungen seien innerhalb von wenigen Stunden bei der Feuerwehr eingegangen. Insgesamt kamen rund 6500 bis 7000 Schadensfälle auf Stadtgebiet zusammen.

Mit den vorhandenen Ressourcen und Strukturen sei das nicht zu bewältigen gewesen - schon gar nicht mit den eingeübten Prozeduren, sagte Ruch. Umso wichtiger sei die grosse Unterstützung von Feuerwehren aus Nachbargemeinen und den umliegenden Kantonen gewesen. In den ersten zwei Tagen waren bis zu 415 Einsatzkräfte von Feuerwehren, Chemiewehren und ähnlichen Organisationen im Einsatz. Hinzu kamen rund 185 von weiteren unterstützenden Organisationen. Trotzdem dauerte es rund 36 Stunden, bis nur das Gröbste bewältigt war. Peter Ruchs Fazit: Auf Ereignisse dieser Grösse kann man sich nicht vorbereiten, das wäre auch viel zu teuer. Wichtig sei in solchen Fällen, dass die Zusammenarbeit mit umliegenden Gemeinden und Kantonen respektive deren Rettungsorganisationen klappe.

Die Macht des Hagelkorns

Peter Flüeler von FPC Flüeler Polymer Consulting führte dem Publikum anschliessend die zerstörerische Wirkung von Hagel konkret vor Augen. Unterstützt wurde er dabei von Noldi Odermatt, seines Zeichens passionierter Jäger. Mit ihrer Hagelkanone und viel Enthusiasmus beschossen die beiden zwei häufig an Gebäuden anzutreffende Materialien: ein Stück 6-mm-Drahtglas und einen leichten Alu-Fensterladen. Die Kanone kann man sich als eine Art Hightech-Armbrust vorstellen, die statt Pfeile Eiskugeln normierter Grösse mit normierter Geschwindigkeit verschiesst. In diesem Fall waren die Kugeln rund 30 g schwer und 100 km/h schnell. Das Drahtglas brach zwar erst, als es von der schwächeren Seite beschossen wurde, aber es brach. Der Fensterladen verlor schon beim ersten Versuch die getroffene Lamelle. Fazit: Auch auf den ersten Blick widerstandsfestes Material hat starkem Hagel wenig entgegenzusetzen.

Vom Nutzen der Gefahrenkarten

Mit der Gefährdungskarte Oberflächenabfluss präsentierte Roberto Loat vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) danach eine Weltneuheit. Die Karte zeigt schweizweit, welche Gebiete bei starkem Regen durch oberflächlich abfliessendes Wasser gefährdet sind. Das ist insofern neu, als bisherige Gefahrenkarten nur das Überschwemmungsrisiko für Gewässer auswiesen. Doch wie das Beispiel Zofingen lehrt, kann der Oberflächenabfluss rasch zum eigentlichen Hauptproblem werden. Das bestätigen auch die Statistiken: In der Schweiz stammen mindestens die Hälfte der Schäden bei Überschwemmungen von oberflächlich abfliessendem Wasser. Wenn man noch bedenke, dass Wasser rund 90 Prozent der wetterbedingten Schäden in der Schweiz ausmache, werde die Wichtigkeit des Oberflächenabflusses noch klarer, so Loat. Entsprechend gross ist auch der Nutzen, wenn die Karten bereits früh in der Planung genutzt werden. Dann können durch relativ kostengünstige Massnahmen grosse Schäden vermieden werden. Die Gefahrenkarte soll ab Sommer 2018 im Internet frei zugänglich sein.


Was beachten beim Bauen?

Christian Willi von EBP ging danach auf das naturgefahrengerechte Planen und Bauen ein. Auch er betonte, wie wichtig es sei, sich sehr früh mit der Materie auseinanderzusetzen. Naturgefahrengerechtes Bauen fusst auf vier Säulen: 1. Standortwahl, 2. Ausrichtung und Bauweise, 3. Nutzungskonzept und 4. Objektschutz. Speziell bei der Standortwahl hält Willi die Sensibilisierung noch für ungenügend. Das hänge vielleicht auch damit zusammen, dass die vorhandenen Gefahreninformationen nicht immer einfach zu interpretieren seien. Bei den Normen gebe es noch Lücken – die werde der SIA aber nächstens schliessen. Mit einem angepassten Nutzungskonzept lassen sich Schäden, beispielsweise an Haushaltgeräten vermeiden. Konkret kann das heissen, dass beispielsweise die Waschmaschine im Erdgeschoss aufgestellt wird, wenn der Keller überschwemmungsgefährdet ist.

Beim Objektschutz schliesslich müsse vor allem darauf geachtet werden, dass durch Massnahmen am einen Gebäude nicht andere Gebäude in der Nachbarschaft stärker gefährdet würden. Für den Bestand schlägt Willi ein pragmatisches Vorgehen vor. Hier gelte, die Objekte prioritär zu schützen, die speziell schützenswert sind, etwa historische öffentliche Gebäude. Beim naturgefahrengerechten Bauen könne auch ein Standard wie der SNBS helfen. Er habe die vier Säulen des Naturgefahrenschutzes integriert und wer mit ihm baut, könne sicher sein, dass die wichtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt werden.

Am Podiumsgespräch stiessen zu den Referenten (ausser Peter Ruch) noch Hanspeter Bieri, Eidg. Dipl. Versicherungsfachmann, Mitglied der Direktion, Basler Versicherungen, Ansgar Gmür, Direktor Hauseigentümerverbands Schweiz, und Alain Rossier, Direktor des Verbands Kantonaler Gebäudeversicherer.

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Download

Arbeitsmaterial des Workshops «Die Natur plant mit – Bauen mit Naturgefahren»

 

Was geschah am 8. Juli 2017 in Zofingen?
Peter Ruch, Major und Kommandant der Stadt- und Stützpunktfeuerwehr Zofingen

«Wo liegen die Herausforderungen beim naturgefahrengerechten Bauen?»
Christian Willi, Teamleiter Naturgefahren EBP

Welchen Nutzen wird die neue „Gefährdungskarte Oberflächenabfluss“ haben?
Roberto Loat, stv. Sektionschef Gefahrengrundlagen, Risikomanagement, planerische Massnahmen Bundesamt für Umwelt BAFU

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